Ringen in vollen Zügen (von Werner Sonntag)

 


Der Titel „Wrestling-Girls und Bistrowagen“ läßt bereits erkennen, daß es sich in diesem Roman - ob es einer ist, sei dahingestellt - um zwei thematische Erzählungsstränge handelt. Das bekommt der Geschichte, die der Autor zu erzählen hat, nicht schlecht, so ungewöhnlich es auch sein mag, daß Eisenbahnfahren - dafür steht der Bistrowagen - und Ringkampfkleidenschaft verquickt werden. Die beiden so ungleichen Themen sorgen dafür, daß Leser nicht ermüden. Hervorragende Autoren, zum Beispiel Grass und Walser, sind Meister in solchen Verzahnungen. In der Ringkampfszene kommt mit solcher Zweigleisigkeit der Vorzug hinzu, daß damit erstmals die Chance besteht, unser Ringkampfthema belletristisch außerhalb der Szene bekanntzumachen. Das ist für uns das Neue an diesem Buch, dem vierten auf unserem Gebiet, wobei interessant ist, daß drei davon innerhalb eines einzigen Jahres erschienen sind. Das Jahr 2002 wird daher auf unserem Gebiet eine ähnliche Schlüsselrolle einnehmen wie die Jahre 1976 und 1992.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg der Artikulation: Die Handlung des Romans oder der Erzählung und deren Hintergrund sind völlig transparent, im Gegensatz zu der auf Fiktion beruhenden „Boxerin“ von Doris Masius und den Kurzgeschichten in „Catfight!“ von Rainer Maria Ringer. Der Autor Carsten Brieger hat auf ein Pseudonym verzichtet und ebenso auf jegliche Verschlüsselung. Was er erzählt, ist seine Geschichte, die er real so erlebt hat. Deshalb also tue ich mich mit der Kategorisierung „Roman“ hier schwer.

Ein Anfangdreißiger, der Autor, erlebt eine Zäsur; die Zeit der Ausbildung und der beruflichen Orientierung ist abgeschlossen, jetzt wird es ernst. Er beschließt Atem holend eine Art Spurensuche, eine Reise zu Stätten, die ihm etwas bedeutet haben. Dazu bedient er sich der Bahn. Und da kennt er sich aus, wir haben es mit einem geübten und kenntnisreichen Bahnfahrer zu tun. Dabei ist er durchaus kritisch und nicht etwa Ökologe mit rosa Brille. Manchmal durchzuckte mich, obwohl ich im Eisenbahnwesen nicht unbewandert bin, bei der Lektüre der Gedanke: Da weiß ich doch, weshalb ich lieber Auto fahre - und vom 15. Dezember 2002 an, da Spontaneität durch die neuen Bahntarife bestraft wird, noch mal so gern. Auch dem Autor Carsten Brieger würde ein solches Kreuz- und Querfahren wie in seinem Roman nach den neuen Tarifen erheblich teurer kommen. Seine Spontaneität müßte jetzt zum Teufel gehen. Und der Abschied vom Speisewagen tut ein übriges dazu - die Androhung dessen hat den Autor noch während der Geburt des Buchmanuskripts ereilt, und er hat sich beeilt, das in einem Anhang aufzufangen. Doch wenn ich so extravertiert wäre wie Brieger, hätte ich mich in der Zelle meines Autos um einiges gebracht - Raststätten sind kein Ersatz für die zahlreichen Chancen der Kommunikation im öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Dies durchaus mit einem lasziven Unterton. Denn der Autor verhehlt seine Bedürfnisse nicht; er sucht, was man zumal Menschen in seinem Alter nicht verargen darf, das andere Geschlecht. Auch auf dieser Reise. Aber er hat besondere Ansprüche, und wer hätte da mehr Verständnis als wir, die Leser der hier erwähnten Bücher? Carsten Brieger ist auf der Suche nach starken Frauen. In harmlose Frauen projiziert er die Gegnerin für Mixed-Kämpfe. Die Bahn ist drei Wochen lang das Vehikel seiner Ringkampfphantasien. Erstaunlicherweise schafft er es immer wieder, zu realen Kämpfen, sogar spontanen, zu kommen. Auf der einen Seite ist es amüsant, wie er über Intercity und Regionalexpreß plaudert - selbstverständlich weiß er auch immer, wie die Mitropabedienung oder die Zugbegleiterin heißt -, auf der anderen Seite ergibt sich die Spannung daraus, ob er sein häufig unbestimmtes Ziel erreicht. Ins Romanhafte geht die Episode mit Monika. Hier brauchte er offenbar nichts zu verdichten, das Leben selbst hat die Romanze, die einen Roman-Vorwurf enthält, geschrieben. Der Autor quält sich nicht, Emotionen zu schüren. Er schildert schlicht seine Befindlichkeit, und siehe da, Lust und Melancholie liegen dicht beieinander und wecken beim Leser Anteilnahme. Brieger läßt zwar keine Orientierung an literarischen Vorbildern erkennen, aber gerade die Episode mit Monika erinnert mich, wenn man die 90 Jahre Zeitunterschied berücksichtigt, ein wenig an Kurt Tucholskys „Schloß Gripsholm“. Sehr Komplexes wird ohne Aufgeregtheit locker geschildert.

Wie in jedem guten Erzähltext ist auch hier eine Entwicklung erkennbar. Brieger ist es am Anfang wie jedem von uns gegangen: Er ist sich, wenn er sich nicht sogar geschämt hat, unsicher gewesen, wie weit er sich offenbaren konnte. Aus dieser Panzerung befreit er sich. Ohne daß dies ausdrücklich artikuliert wird, werden wir Zeuge eines Emanzipationsprozesses. Brieger spricht mit Frauen über seine Leidenschaft, und siehe da, manchesmal überraschend wird sie akzeptiert. Seine Erfahrung ist, wie ich nach der weiblichen Resonanz auf „Kampfes Lust“ bestätigen kann, durchaus zu verallgemeinern.

Was mich an diesem autobiographischen Roman - nennen wir ihn einmal so - fasziniert, ist das Fehlen jeglicher literarischer Ambition (ich zum Beispiel leide darunter, daß ich ambitioniert schreibe, schreiben muß). Keine Bemühtheit, hier wird stilistisch keine Krawatte vorgebunden. Ein (vermutlicher) Jeansträger macht keine großen Worte, er schildert, was ist. Ich nehme jedoch an, daß er seine Aufzeichnungen erheblich komprimiert hat. Man soll angesichts der Leichtigkeit eines Stils den Weg dahin nicht unterschätzen. Für mich verkörpert sein Stil authentisch das Lebensgefühl von Dreißigjährigen, die aber auch schon eine Erinnerung haben.

Brieger gehört seit Jahren zur Szene. Er ist einer der wenigen Autoren intelligenter und abgewogener Beiträge in diversen Internet-Foren. Er gehört nicht zu den Phantasten im Internet, die darin eine Anzeigenbörse sehen oder abgeschmackte Phantasien absondern. Unsere Szene taucht ganz real auf, da ist von der „Amazone“ die Rede, von Wiwa, von Lizzy, Christa und anderen namentlich Bekannten. Dokumentation ist nicht beabsichtigt, aber man wird in Jahren einmal während der Lektüre sagen können: Aha, so war das damals.

Bei der Fülle realer Bezüge kann schon mal ein Fehler unterlaufen, mit Germsbach ist Gernsbach gemeint. Mich irritiert jedoch Sprach- und orthographische Schlamperei, für die auch die sogenannte Rechtschreibreform kein Freibrief sein kann. Nicht daß ich etwas gegen Sprachplattheiten als Stilmittel hätte. Aber falsche Präpositionen stören mich ebenso wie die Missachtung des Kasus und die Verwechslung von das und dass sehr. Zudem darf man an den Autor, der vor dem Promotionsabschluß steht und einen Verlag für Sozialwissenschaft gegründet hat, einige Ansprüche stellen. Schlägt das Ergebnis der Pisa-Studie inzwischen auch auf die Universitäten durch? Doch der flotte Wurf dieser Schilderung eines, der auszog, das angenehme Gruseln auf der Matte zu lernen, wird durch einen solchen Einwand nicht berührt, und die wenigsten Leser werden das überhaupt merken. Wer sinnbildlich zu Brieger ins Abteil steigt, hat Besseres vor. Er wird sich köstlich unterhalten und vielleicht sogar bemerken, daß Soziologie offenbar präzise Beobachtung der Umwelt voraussetzt.

Werner Sonntag

 
ucuz ukash elektronik sigara
fuck you google children porno children porn porno izle zenci porno trk porno sert sikişme pornocu çocuklar porn azgın sikiş sikiş izle rus sikiş 13 years porn porno